> Starke Wurzeln - gute Früchte <
Predigt über Psalm 1, 1-3 zur Konfirmation (16. Mai 2010)
Pfarrer Andreas Friedrich, Herborn-Seelbach
Königlicher Hoflieferant - ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal werden würde. Eigentlich war ich bloß ein einfacher Gärtner. Doch dann habe ich mich spezialisiert. Auf Bäume. Ich habe eine Baumschule eröffnet. Ja, auch bei uns in Israel gibt es Bäume. Nicht ganz so viele wie bei euch hier, vor allem gibt es nicht so große und dichte Wälder. Dafür haben wir aber andere Bäume. Oliven-bäume zum Beispiel, die wachsen ganz anspruchslos auf steinigem Boden. Oder die Maulbeerfeige. Oder der Granatapfel - ein herrlicher Baum. Auch Eichen gibt es bei uns, große, mächtige Eichen. Und wenn Ihr Konfirmanden schon solch einen stattlichen Baum sozusagen als ‚Paten‘ Eurer Kon-firmandenzeit habt, dann will ich Euch gern dazu meine Geschichte erzählen.
Bäume brauchen bei uns zuhause eine ganz besondere Pflege. Das hängt mit der Trockenheit im Boden zusammen - wenn es manchmal ein halbes Jahr lang nicht regnet, kann kein Baum wachsen. Darum legen wir künstliche Wassergräben an. An diese Wassergräben pflanzen wir dann die Bäu-me. Hier können ihre Wurzeln genügend Wasser und Nahrung finden, so dass die Bäume wachsen und grün bleiben, auch wenn es heiß wird. Und so können sie dann auch Früchte bringen.
Naja, so hab‘ ich also meine Baumschule aufgebaut. Und was soll ich euch sagen: Das Geschäft lief ordentlich. Ich konnte zufrieden sein. War ich auch - ich war so zufrieden, wie man halt zufrieden ist, wenn’s im Geschäft gut läuft.
Dann kam eines Tages tatsächlich der erste Auftrag vom Königshof. Bäume für die königlichen Gär-ten sollte ich liefern. Und sie dort gemeinsam mit den königlichen Gärtnern anpflanzen. Seit diesem ersten Auftrag kamen immer neue dazu. Weil der König dann regelmäßig bei mir bestellte, durfte ich mich bald „königlicher Hoflieferant“ nennen. Ich war doch ein Glückspilz, oder? Für einen einfachen Gärtner war das eine steile Karriere. Also echt, ich konnte zufrieden sein. War ich ja auch - zufrieden, irgendwie. Man muss zufrieden sein, hab‘ ich oft gesagt.
Eines Tages war ich wieder mal im Garten des Königs bei der Arbeit, da hörte ich, wie auf der Ter-rasse in der Nähe eine Harfe gestimmt wurde. Das kam öfter vor - unser König David singt gerne, selbstgemachte Lieder und auch andere - und spielt dazu auf der Harfe. Meistens fromme Lieder. Darüber wird in den Betrieben und Kantinen immer wieder auch gespöttelt. Ich gebe zu - ich hab‘ auch schon oft mitgelacht. Ich weiß nicht, ob das bei Euch anders ist. Wenn Euer Bundespräsident öffentlich erzählt, dass er betet, dann löst das bei vielen ja auch ein spöttisches Lächeln aus. Und wenn bei Euch Konfirmanden die Klassenkameraden mitkriegen würden, dass ihr betet und auch nach der Konfirmation noch zur Kirche geht, würdet ihr wahrscheinlich auch zur Zielscheibe von so manch spöttischem Kommentar werden. Spötter gibt es wohl überall … Doch ich schweife ab. Da war König David also auf der Terrasse und begann zu singen. Ich war ganz in der Nähe beschäftigt und konnte ihn gut hören. Er begann: ‚Glücklich ist der Mensch ...‘ Merkwürdig: Schon dieses erste Wort ging mir unter die Haut. Ich bin sonst eigentlich nicht besonders sensibel. Aber vielleicht kennt ihr das auch: Dass euch irgendetwas ganz unvermutet trifft, dass es euch durch und durch geht?! So ging es mir in diesem Moment. Dieses erste Wort hat mich getroffen. Und wie! „Glücklich“!
Glücklich - das war ich nicht. Glücklich - das wollte ich aber sein. Klar, ich war zufrieden, irgendwie. Oft hatte ich das auch so gesagt: „Ich bin nicht unzufrieden.“ Oder - eigentlich ja ne ganz komische Aussage: „Ich kann nicht klagen!“ Irgendsowas halt. Aber glücklich ... Nein, ich war nicht glücklich. Ich lebte mein Leben, ich hatte meinen Betrieb, ich hatte Karriere gemacht - und dann? Reicht das zum Glück? Ist das alles? In mir drin war, das wurde mir in diesem Moment schlagartig deutlich, in mir drin war eine Leere. Bei allem Erfolg, den ich hatte: Vom Glück war ich weit entfernt. Glücklich ist der Mensch … - wie werde ich glücklich?
Glücklich ist der Mensch, sang David, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen. Ich kann Euch das jetzt nur so sagen: Das ging mir durch und durch. Meinte der mich? Kannte der mich?
Ich saß oft bei denen, die über Gott und die Welt spotteten - und die dabei kaum was Konstruktives zu sagen hatten. Sünder - naja, das war ich. Klar. Gottlos? Ein hartes Wort. Aber, wenn ich ganz ehrlich war: Welche Rolle spielte Gott denn in meinem Leben? An den hohen Feiertagen, ja, da schon, aber sonst?
Das alles ging mir viel schneller durch Kopf und Herz, als ich es jetzt hier schildern kann. Das waren nur Sekundenbruchteile. Viel Zeit zum Nachdenken blieb mir auch nicht. Denn David sang ja weiter:
‚… sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.‘
Ah - am Ende kam was, damit kannte ich mich aus. Ein Baum am Wasserbach, am Bewässerungs-graben. Ein Baum mit Früchten. Ein Baum mit grünem Laub, lebendig, kräftig und schön gewach-sen. Tolles Lied! - Aber wie war das davor? Glücklich ist der Mensch, der Lust hat am Gesetz des Herrn? Also, Entschuldigung, ich hab zu manchem Lust - aber Lust am Gesetz? Ich weiß schon, dass das ‚Gesetz des Herrn‘ die Bibel meint. Wer aber bitte - außer den Herren Schriftgelehrten viel-leicht - wer hat denn Lust am Gesetz? Und denkt auch noch Tag und Nacht darüber nach? Das ver-stand ich nun gar nicht. Aber die Worte blieben in mir haften.
Irgendwie habe ich meine Arbeit an diesem Tag fertig gemacht. Irgendwie bin ich nach Hause ge-kommen. Und irgendwie hat mir das alles keine Ruhe gelassen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich dann spätabends gebetet. „Gott“, habe ich gesagt, „mei-nem Leben fehlt etwas. Ich bin nicht wie ein Baum am Wasser. Ich bin nicht voller Saft und Kraft. Ich vertrockne so schnell. Mein Leben bringt keine Frucht. Ich will ein Leben voller Saft und Kraft. Gott, hilf mir. Ich will glücklich werden.“ -
Nach diesem Gebet war ich ruhig. Ich spürte Frieden in mir - auch wenn ich noch nicht ganz begrif-fen hatte, was da eigentlich geschehen war. Und ich spürte eine tiefe Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Gott. Von ihm wollte ich jetzt mehr wissen. Ihn wollte ich auf einmal wirklich kennen lernen. Die Sache mit dem Glauben - bisher hatte ich das als religiöse Veranlagung abgetan. Hatte gedacht: ‚Dem einen liegt das halt, dem andern nicht. Mir eher nicht.‘ Aber jetzt hatte ich eine riesige Sehnsucht, glauben zu können. Ich wollte wissen, wer dieser Gott ist und was er mir geben kann.
In den folgenden Tagen habe ich tatsächlich plötzlich genau das gemacht, wovon König David ge-sungen hatte. Ich habe angefangen, das Wort Gottes zu lesen. Darüber nachzudenken. Buchstäblich am Tag und in der Nacht. Jede freie Minute. Ich habe mir Schriftrollen besorgt mit den Büchern des Mose, der Thora. Später dann habe ich mir gekauft, was von den Propheten aufgeschrieben war. Und auch die Liederbücher, nach denen auch König David sang. Glücklicherweise hat mein Betrieb mir genug Geld gebracht, dass ich mir das leisten konnte. - Stimmt das eigentlich, was ich gehört habe, dass Ihr das Wort Gottes schwarz auf weiß für weniger als einen Stundenlohn kaufen könnt? Fein zusammengefasst in handlichen Büchern? Was müsst Ihr für glückliche Menschen sein! Doch ich schweife schon wieder ab …
Mit dem Essen kommt der Appetit, sagt man. So ging mir's mit dem Wort Gottes. Mit dem Lesen kam die Lust. Nicht alles habe ich gleich verstanden. Manches war schwer, manches war ärgerlich. Aber trotzdem: Mit dem Lesen und mit dem Nachsinnen kam die Freude über das Wort Gottes. Über seine Weisungen. Über seinen Trost. Über seine Verheißungen, also das, was er allen ver-spricht, die ihm vertrauen. Lust am Gesetz des Herrn haben - was ich erst für völlig unmöglich ge-halten habe, das habe ich tatsächlich immer mehr selbst bekommen.
Das alles liegt jetzt schon einige Zeit zurück. Vieles hat sich geändert in meinem Leben. Meine Ein-stellung ist neu geworden. Ich bin nicht mehr „nicht unzufrieden“, sondern ich habe Frieden. Ich fühle mich nicht mehr als „Glückspilz“, weil ich da diese Urkunde mit dem königlichen Siegel habe - nein, ich bin ein glücklicher Mensch geworden.
Viel habe ich gelernt inzwischen. Und ich lerne noch immer. Gehe bei Gott in die Schule. In die Baumschule sozusagen - weil es mir geht wie einem Baum, der nur gesund wächst, wenn er seine Wurzeln im Wasser hat.
Seht, wenn ein Baum am Wassergraben gepflanzt ist, dann streckt er ganz selbstverständlich seine Wurzeln nach dem Wasser aus. Wir Menschen, die wir denken können und vieles verstehen und hinterfragen, wir tun das merkwürdigerweise nicht. Wir bringen es fertig, zu vertrocknen, obwohl Wasser da ist. Wir bringen es fertig, auf Gott zu verzichten. Wir meinen, wir könnten ohne Wasser und Nährstoffe überleben und Kraft gewinnen. Ich habe gelernt, meine Wurzeln auszustrecken nach dem lebendigen Wasser, das Gott mir gibt. Nach seinem Wort. Nach seiner unbeschreiblichen Liebe. Darin will ich fest verwurzelt sein. Das gibt mir festen Stand. Das gibt mir Halt für mein Le-ben. Und das gibt mir Nahrung.
Wer darauf verzichtet, dem geht es wie einem Baum, der fern ist vom Wasser. Der wird vertrock-nen in der Hitze. Der wird nicht wachsen, sondern eingehen Ich bitte Euch: Streckt doch auch Eure Wurzeln aus nach den Wasserbächen Gottes! Sucht bei ihm Halt und Nahrung!
Diese Wasserbäche - sie sind doch auch für Euch gut erreichbar. Gott hat sie längst für uns alle an-gelegt. Und sie sind voll von lebenspendendem Wasser!
Gott sagt Euch in seinem Wort, dass er Euch liebt. Jeden von uns, unerklärlicherweise, aber absolut verlässlich! Das ist Nahrung für ein blühendes Leben. Er sagt Euch zu, dass er mitgehen will, alle Wege und auch alle Irrwege Eures Lebens. Er sagt Euch zu, dass er vergeben wird, wenn ihr ihn bit-tet. Er sagt, dass er Frieden bringen will in die Sehnsucht unserer Herzen. Er sagt, dass er Gutes, dass er Ewiges wachsen lassen wird aus unserem Leben. Und und und. Entdeckt doch die Wasser-gräben, die Gott an Euer Leben legt! Sucht sie in seinem Wort! Sie sind da - Ihr müsst nur Eure Wurzeln nach ihnen ausstrecken.
Hoflieferant des Königs war ich. Jetzt beliefert der König mich. Nein, nicht der König David. Sondern der König aller Könige, der beliefert mich mit lebendigem Wasser für mein Leben. Damit ich wach-sen und blühen kann wie ein Baum, voller Saft und Kraft.
Und damit ich Frucht bringen kann. Das habe ich auch gelernt. Ich darf und soll Frucht bringen in meinem Leben. Gott hat mich ja nicht gemacht, damit ich nutzlos auf dieser Erde herumlaufe. Und Euch auch nicht. Er will, dass wir Frucht bringen. Unser Leben soll nicht umsonst gelebt sein.
Frucht ist noch etwas anderes als Erfolg, wie ich ihn früher im Beruf gesucht habe. Da ging es um Karriere. Um mein Geld, um meinen Ruhm, und zwar möglichst viel davon! Aber Karriere-machen heißt, dass ich möglichst viel für mich selbst mitnehme, dass ich möglichst viel für mich selbst ernte von dem, was ich erreiche.
Frucht wird von andern geerntet. Kein Baum erntet schließlich seine Frucht selbst. Frucht ist das, wovon die anderen leben können. Frucht bringen heißt: Zur Ernährung für andere Menschen bei-tragen. Und zur Ehre Gottes. Frucht bringen heißt: Ein Segen sein für andere. Glaubt Ihr nicht auch, dass unsere Welt besser würde, und dass auch unser eigenes Leben reicher würde, wenn wir mehr Frucht füreinander bringen würden? Wenn wir ein Segen für andere wären? Mit dem Motto: „Jeder ist sich selbst der Nächste“ wird die Welt jedenfalls nicht überleben können.
Also nochmal: Ich soll Frucht bringen. Wie geht das? Indem ich mich einwurzele in Gottes Liebe, in sein Wort, in seine Gegenwart. Er macht mich zum Segen für die Welt und segnet mich selbst da-durch. „Glücklich ist der Mensch, der Lust hat am Wort Gottes, der darüber nachsinnt, der es hört und glaubt und danach handelt, der Gott vertraut und in Kontakt mit ihm seinen Weg geht … Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.“
Glaubt Ihr das? Das mit dem starken Baum ist mehr als ein schönes poetisches Bild. Sondern es ist eine Erinnerung: Ohne Gott vertrocknen wir, denn die Güter machen unser Herz nicht satt. Und es ist eine herzliche Einladung. So wie der Sänger es beschrieben hat, genauso dürft Ihr’s machen: Ihr dürft Gott bitten, dass er Euer Leben nicht vertrocknen lässt. Sondern dass er Euch an seine Was-serversorgung anschließt. Damit Ihr ein Leben in Saft und Kraft führen könnt. Ein Leben unter sei-nem Segen. Damit ihr wachst und gedeiht wie ein Baum - mit den Wurzeln in festem Grund, der Euch hält und ernährt, und mit Zweigen und Blättern und leckeren Früchten.
Starke Wurzeln haben - gute Früchte bringen! Das ist das Geheimnis eines Menschen, der zu Gott und zu Jesus Christus gehört. Der in ihm gründet und mit ihm in die Zukunft geht. - Und das ist nicht nur eine Sache von besonders Auserwählten oder irgendwie fromm Veranlagten. Jeder von Euch ist eingeladen, bei Gott sein Glück zu finden. Ehrlich gesagt: Nach dem, was mir geschehen ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand darauf verzichten könnte. „Glücklich sein“ ist eben noch etwas anderes als „irgendwie zufrieden sein“. Ich wünsche Euch, dass Ihr auch glückliche Menschen werdet!
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, fülle unsere Herzen und Sinne und führe uns zu Jesus Christus, dem Herrn. Amen.
[Die Idee zu dieser Predigt verdanke ich meinem Kollegen und Freund Martin Hecker, Bad König. Danke!]





