Neue Ideen sind ihre Stärke
Ungewöhnliches Unterrichts-Modell begeistert Konfirmanden
• Von Klaus Kordesch
Eigentlich ist das neue »KonT(o)ur«-Konfirmanden- Modell der Gemeinde Herborn-Seelbach aus einer Verlegenheitslösung heraus geboren. Nun haben die Seelbacher Nägel mit Köpfen gemacht und ein neues Konzept umgesetzt.
Der Dienstagsunterricht gehört der Vergangenheit an, »KonT(o)ur« ist angesagt: Die Kirchengemeinde Herborn-Seelbach hat komplett auf »Konfi«-Samstage umgestellt und auch sonst einiges verändert. Das Konzept, nach dem in diesem Jahr zum ersten Mal 32 Jugendliche konfirmiert wurden, kommt bei allen Beteiligten bestens an, wenn es für manche auch ein Mehr an Arbeit bedeutet.
Eine Tour durch die Gemeindegruppen
»Konfi-Unterricht ist langweilig – mit dieser Einstellung sind die Jungen und Mädchen von den früheren Jahrgängen geimpft worden«, erinnert sich Pfarrer Andreas Friedrich. »Dann kamen sie zu den Samstagen und stellten fest, dass das ja sogar Spaß macht.« Doch wenn dann der wöchent- liche Dienstagsunterricht begann, sei es mit der Freude vorbei gewesen. »Dann brach die große Langeweile aus«, sagt Friedrich. Die Frage »Wieso machen wir nicht mehr Konfi-Tage?« war die Initialzündung für das »KonT(o)ur«- Modell.
»Wir machen eine Tour mit den Konfis, bei der der Glaube Kontur gewinnt«, erklärt der Pfarrer den Namen, zu dem Team-Mitarbeiter Christoph Merz ein passendes flottes Logo entworfen hat. Als der Kirchenvorstand vor zwei Jahren über neue Leitlinien für die Konfirmandenarbeit nachdachte, gewann auch das Konzept rasch Profil: Ausgemustert haben die Seelbacher nicht nur die wöchentlichen Stunden, sondern auch den Frontalunterricht traditioneller Form. Teamwork steht im Vordergrund, kleine Gruppen geben auch den sonst unauffälligen und schüchternen Jugend- lichen oder Behinderten die Möglichkeit, sich einzubringen.
»Wir können uns viel besser um die Einzelnen kümmern«, sagt Kati Weigel, die weit mehr als ihre zehn von einem Förderkreis finanzierten Wochenstunden als Jugendreferentin in der Gemeinde verbringt. Diese Aufmerksamkeit sei besonders wichtig, weil Jugendliche aus allen Schulformen zusammenkämen, merkt sie an.
Als die Jugendlichen des Vorjahrgangs dienstags von den Plänen erfuhren, sei die erste Frage gewesen, wieso denn erst der nächste Jahrgang in den Genuss der »Konfi«-Tage kommen sollte, sagt Pfarrer Friedrich. Also wurden die 2005er-Konfis zu »Versuchskaninchen« und bekamen zwischen Weihnachten und Ostern ihre gewünschten Konfirmanden-Tage: »Das Echo: Konfi-Tage sind besser«, erinnert er sich.
Bei »KonT(o)ur« geht es natürlich nicht nur um die Terminverschiebung – und auch nicht nur um die »Konfis«. Zwar sind die Inhalte des Unterrichts fast unverändert geblieben – die »Basics des christlichen Glaubens eben«, sagt das Kirchenvorstandsmitglied Martina Haas – aber hinzugekommen ist eine »Tour« durch die Gemeinde, bei der die Jugendlichen bis Ostern drei Gemeindegruppen kennen lernen sollen. Auf einem Laufzettel konnten sie sich ihre Stippvisiten bei Singkreis, Kindergottesdienstvorbereitung, Teeabend oder Rentnertreff abhaken lassen. »Wir waren erst skeptisch, aber das hat prima geklappt ohne jede Mahnung«, freut sich Friedrich.
Neuland betreten haben die »Konfis« auch mit der Zulassung zum Abendmahl: Nach einer Entscheidung des Kirchenvorstands durften sie nach dem zweiten »Konfi«-Tag im September vergangenen Jahres das erste Mal mit der Gemeinde das Abendmahl feiern. »Ich war total überrascht«, sagt der Pfarrer heute. »Die Jugendlichen kamen mit Eltern, Großeltern und Paten, alle festlich gekleidet.«
Außerdem riefen die acht Mitarbeiter des »Konfi«-Teams die Aktion »KonT(o)ur im Wohnzimmer« ins Leben: Im offenen Gespräch mit Gemeindemitgliedern sollten sich die Jugendlichen über Themen des christlichen Glaubens austauschen. Sofort meldeten sich Menschen in der Gemeinde, die Interesse an der Runde hatten. In dem etwa einstündigen Austausch ging es etwa um Schuld und Vergebung am Beispiel biblischer Figuren, darunter die Ehebrecherin, der Zöllner Zachhäus oder der verlorene Sohn.
Genauso wichtig wie die Inhalte waren dem Pfarrer und dem Team, dass sich die Gruppen für die Besuche trotz anfänglichen Zögerns selbst zusammengefunden und einen Termin mit den »Wohnzimmer-Besitzern« ausgemacht haben. »Insgesamt ist das gut angekommen«, lautet sein Fazit.
Eine Konfirmanden-Band bereichert den Gottesdienst
Das finden auch die Jugendlichen selbst, die kurz vor der Konfirmation einen Fragebogen ausfüllen konnten. »Toll«, sagen sie zu »KonT(o)ur«. Besonders gefielen ihnen die »Konfi«-Tage, aber auch das gemeinsame Essen, die mehrtägige Freizeit. Außerdem loben sie die Gruppenarbeit und die Gemeinschaft.
Bei dem Team haben sich die »Konfis« mit Blumen und Pralinen für das »schöne Miteinander« bedankt, eine Geste, die die Mitarbeiter sehr gefreut hat. Spürbar wird die Zustimmung auch durch die erste »Konfi-Band« der Gemeinde, die im Konfirmationsgottesdienst fetzige Musik spielte und darüber hinaus Bestand hat: Anfang Juli auf dem Gemeindefest war der zweite Auftritt der überwiegend aus Bläsern bestehenden zehnköpfigen Band.
Dass »KonT(o)ur« nicht der Weisheit letzter Schluss ist, wissen auch die Mitarbeiter des Teams: »Wir haben die Messlatte hoch gelegt, aber es war ein sehr fitter Jahrgang«, urteilt Mitarbeiter Benny Arnold. »Es wird bestimmt noch Veränderungen geben«, weiß Friedrich und nennt die immer noch gefürchtete Prüfung als Beispiel. »Wir wollen den Stress abbauen, nicht den Prüfungsstoff«, berichtet Kati Weigel von den Beratungen im Kirchenvorstand.
Vor weiteren Neuerungen haben Weigel, Friedrich und die anderen Teamer keine Angst: »Neue Ideen sind eine Stärke unserer Gemeinde«, sagt der Pfarrer, der bei Kollegen und Mitarbeitenden aus anderen Gemeinden Interesse an den Erfahrungen der Seelbacher feststellt, die er gerne weitergibt: »Viele sagen zuerst, sie seien ja eine Landgemeinde, da ginge so etwas nicht«, schmunzelt er.
Anmerkung: Dieser Artikel erschien in der Evangelischen Sonntags-Zeitung Nr. 33 vom 13. August 2006



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